Meine Glossen

Welche Farbe hat die Welt

Für die Welt da draußen, für viele sinnliche, visuelle Eindrücke, ist die Farbigkeit ein sehr wichtiges Unterscheidungs- und Findungskriterium.
Die Spektralfarben werden durch entsprechende Brechung selektiert und Pflanzen, Tiere, Materialien erhalten ihr typisches, unverwechselbares Aussehen, indem sie IHRE typischen Farbanteile reflektieren und so sichtbar werden lassen.
Unser Sehvermögen hat sich evolutionär diese Vorteile zu Nutze gemacht und darauf eingestellt.
Andere Wesen, wie Insekten sind sehr speziell auf eine Farbe fixiert, wenn sie z.B. auf eine bestimmte Blüte als Nahrungsquelle besonders angewiesen sind. Umgekehrt nutzen Pflanzen diesen Drang der Bestäubungshelfer und stellen sich extra in passendem, buntem Kleide dar. Auch sind Signalfarben im Tierreich zur Warnung und Abschreckung gedacht, da tut sich Rot besonders hervor. Nicht umsonst auch im menschlichen Umgang und im Straßenverkehr daher sehr verbreitet.
So stellt die Farbigkeit in der Natur und im Verkehr wichtige Voraussetzungen für die Arterhaltung dar. Trotzdem.
Ich möchte mich hier gerade deswegen für das schwarz-weiß stark machen.
Dabei sind dies quasi die Farben rechts und links neben der Skala des Farbspektrums.
Einerseits ist weiß die Summe aller Spektralfarben, andererseits ist schwarz praktisch das Fehlen jedweder Farbe, jedweden Lichts, quasi das Bild der Nacht.
Dazwischen ist alles zu finden, übrigens auch das Grau. Ein etwas verwässertes Schwarz oder leicht eingeschwärztes Weiß, wie immer man es meint.
Das s/w begleitet uns Kulturmenschen besonders. Ausgenommen an den Polarbereichen mit ewigem Eis und permanentem Schneeweiß ist das in der Natur nicht so oft zu finden.
Wir aber, angefangen mit der Erfindung des Papiers und der Schrift, einer kulturellen Revolution, und später mit der Fotografie und Filmkunst, wir haben uns lange Zeit mit diesen beiden Farben zufriedengeben müssen. Klar hat die Farbe die Vielfältigkeit und Bedeutung jeder Darstellungsform enorm gesteigert, dennoch: nicht umsonst wird bei der Betonung der Darstellung, ohne Ablenkung durch die Buntheit, mit Blick auf die zentrale Aussage und Wirkung eines Fotos z.B., immer noch gerne auf schwarz-weiß gesetzt.
Es ist die Schlichtheit der Darstellung, die große Wirkung erzielt. Nehmen wir die Portrait-Fotografie da als Beispiel.
Im Sprachgebrauch liegt auf dem schwarz-weiß ein eher negativer Schatten.
Dem Schwarz-weiß-seher wird ein stures, unflexibel Denken ohne Empathie und Diskussions-bereitschaft unterstellt, entweder – oder. Basta.
Wenn du nicht auf meiner Seite bist, bist du Feind, Punkt.
Da gibt es oft keinen Konsens - der dann zumindest einem Grauton gleichkäme.
Auch wird etwas als unabdinglicher Beweis angesehen, wenn es schwarz-auf-weiß irgendwo zu finden sei. Das ist wohl dann die Folge der hier anfangs gepriesenen Kulturrevolution, einmal etwas niedergeschrieben, geht nicht mehr aus der Welt. Wer schreibt, der bleibt!
Weiterhin ist erwähnenswert, die Abwesenheit jeglicher Buntheit, jeglicher Lebensfreude, ist Ausdruck der Trauer – eben zum Ausdruck gebracht mit der Farbe schwarz.
Ebenfalls ist die fehlende Buntheit des Lebens, aber als Folge von Unwissenheit, Unerfahrenheit, Jungfräulichkeit für die Farbe weiß das Synonym, nun aber für die Unschuld.
Darum auch mein Plädoyer für das s/w. Zwei ganz unterschiedliche Ansätze, warum Buntheit und Vielfalt fehlen.
Leider ist mit Einzug der IT, den Sozialen Netzwerken und anderen Medien eine neue Form der Verewigung hinzugekommen, dort fällt ausradieren oder schreddern noch schwerer. Diese Spuren bleiben noch ewiger.