Meine Glossen

Geschrei aus Nachbars Garten

Es war einer dieser herrlichen Tage, schon fast mediterran.
Der Tag war lau und leichtes Gewölk streifte über den blauen Sommerhimmel. Die eifrigen Sommergäste aus dem Süden, Schwalben und Mauersegler, flogen hoch und stürzten sich zickzack durch den Äther, immer ihrer Beute nach.

Auch am Boden waren andere gefiederte Gesellen fleißig dabei ihre Nester zu bauen oder schon die Brut zu versorgen. Ein lebendiges Zwitschern in allen Ecken.
Die Natur im Garten hat tolle Arbeit geleistet.
Das feuchtwarme Wetter der letzten Wochen hatte alles explodieren lassen. Überall sattes Grün.

In dieser Idylle lag ich in meiner Schattenecke auf der Sonnenliege und ging so den Gedanken nach.
Das eine oder andere Ereignis der jüngsten Vergangenheit und auch die Bilder einiger jüngst Verstorbener gingen mir durch den Sinn. Der Geist hatte Zeit und Muße in Erinnerungen zu graben.

Ich hatte mir einen Pott Kaffee aus der Küche geholt und lag wieder, quasi in Position, um die Wolken weiterhin bei ihrem Rennen am Himmel zu beobachten. Es war still, Sonntag eben. Keine Arbeitsgeräusche aus den Gärten ringsum, aber auch kein quicklebendiges Kindergeschrei. Die Überalterung der Bewohner in unserer Siedlung war unübersehbar. Längst erwachsen und ausgezogen sind alle Kinder, teilweise ist bereits die nächste Generation, sind die Enkel stundenweise zu hören.
So senkte sich bereits die Sonne im Westen und der Abend war nicht mehr weit. Ich mußte meine Liege etwas rücken, denn nun trafen mich doch die noch erstaunlich warmen Strahlen und es brannte auf der Haut.

So hatte ich friedlich und zugegeben etwas faul den Nachmittag verbracht und dachte bereits daran meine Position zu verlassen und alles einzupacken.
Plötzlich waren laute Stimmen aus dem Nachbargrundstück zu hören. Durch dichtes Gebüsch etwas verzerrt und mal lauter, mal leiser konnte ich deutlich streitende Stimmen hören. Zu verstehen war nichts. Auch hätte ich sie niemandem zuordnen können. Wir kannten unsere Nachbarn seit Jahren, obwohl, wie ihre Stimmen laut und im Streit klingen würden, wußte ich hingegen nicht.

Neugierig und besorgt stand ich auf und folgte dem Lärm Richtung Buschwerk. Die ersten Äste bog ich leicht zu Seite, konnte aber noch nichts sehen. Einen Schritt hinein, leicht bekleidet und mit Sandalen an den Füßen war ich nicht unbedingt gut gerüstet, doch es ging. Der Maschendrahtzaun kam nun in Sicht und noch einmal Astwerk zur Seite drücken, um endlich einen Blick in Nachbars Garten machen zu können. Ich kam mir vor wie ein Spanner und war ebenso vorsichtig: „Hoffentlich sehen die mich nicht“.

Den Zaun nun vor dem Bauch schien alles normal auszusehen. Auf der Terrasse und im Garten war niemand. Woher kam das verdammte Geschrei. Nun doch eindeutig lebensbedrohlich und hysterisch schrie eine Frau um ihr Leben, soviel war klar.
Da fiel mir auf, eine der Terrassentüren dort war geöffnet, eine große Schiebetür zum Wohnzimmer war zur Seite geschoben. Durch die anderen, bodentiefen Scheiben konnte ich erkennen, der Fernseher lief.

Die Nachbarn, große Filmliebhaber und mit Netflix und Co. bestens ausgerüstet, hatten wohl an so einem herrlichen Tag den Sinn nach etwas Horror gehabt. Die Surround-Anlage erfüllte gut hörbar ihren Zweck, sogar bis über Grundstücksgrenzen hinweg.

Ich trollte mich, zurück zu meiner Liege, ein paar Minuten wollte ich noch mitnehmen.
Die Abendsonne färbte den Horizont bereits blutrot.
Mich fröstelte etwas, zum ersten Mal an diesem herrlichen Sommertage.